Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Heute Morgen, Supermarkt in Leer.
Ich stehe am Gewürzstand und warte auf meine Frau.
Zwei Männer ein paar Meter weiter. Die Einkaufswagen voll.
Sie reden über Spritpreise. Die Welt wird verrückt, sagen sie.

Dann kippt das Gespräch.
„Wir brauchen auch solche Typen wie Putin oder Trump. Sonst sind wir bald fertig.“
Zustimmendes Nicken.
Kein Zögern. Keine Nachfrage. Keine Skepsis.

Ich stehe da – und denke…
Merken wir eigentlich noch, was wir da sagen?

Wir leben in einem Land, in dem wir frei entscheiden dürfen.
Und sehnen uns nach Systemen, in denen genau das abgeschafft wird.
Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Selbstbestimmung.
Ein großes Wort. Eines, das wir in diesem Land so selbstverständlich benutzen, dass wir kaum noch spüren, was in ihm steckt.

Ich habe früh gelernt, was es bedeutet.

Auf der alten Werft, in der Reparatur.
Kein Plan war je vollständig. Kein Schiff identisch.
Und oft stand da in der Zeichnung ein Satz, den ich geliebt habe…

„Nach Örtlichkeit.“

Das war kein Lückenbeschreiber. Das war Vertrauen.
Die Aufforderung, vor Ort zu entscheiden.
Zu sehen, zu denken, zu handeln.
Verantwortung zu übernehmen, wo es darauf ankommt.

Dort habe ich verstanden…
Selbstbestimmung ist nicht Theorie.
Sie ist gelebte Praxis.
Und sie funktioniert nur, wenn man sie sich zutraut.

Auch später, im Kleinen wie im Großen.

Wenn ich zu Hause etwas gestalte. Am Haus, im Garten.
Einfach mache, ohne erst zu fragen.
Gut – mit einer kleinen Einschränkung 🙂
Das eheliche Oberkommando hat natürlich ein Vetorecht.
Aber genau darin liegt ja das Wesen von Freiheit.
Sie bewegt sich im Raum der Beziehungen, nicht im luftleeren Raum.

Und als Betriebsratsvorsitzender auf der Werft.
Dort war Selbstbestimmung für mich kein nur schönes Wort.
Dort war sie Lebenselixier.
Frei entscheiden.
Den eigenen Überzeugungen folgen.
Auch gegen Widerstände.
Gerade dann.

Und dann ist da mein Vater.
Landarbeiter.
Ein Leben, geprägt von harter Arbeit und wenigen Wahlmöglichkeiten.
Ich habe gesehen, was es mit einem Menschen macht, wenn Selbstbestimmung begrenzt oder verweigert wird.
Was es mit Würde macht. Mit Glück.
Man zerbricht nicht unbedingt daran.
Aber das Leben wird enger. Leiser.
Ein Stück weniger man selbst.

Vielleicht reagiere ich deshalb so sensibel, wenn ich heute sehe, wie beiläufig wir mit diesem Wert umgehen.

Denn Selbstbestimmung ist kein Detail unserer Gesellschaft.
Sie ist ihr Kern.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal gegenüber autokratischen Systemen.

Dort entscheidet das System über den Menschen.
Hier soll der Mensch über sich selbst entscheiden.

Nicht perfekt. Nie gewesen.
Aber im Anspruch klar.

Und doch…
Wir tun vieles, um genau diese Selbstbestimmung klein zu halten.
Bürokratie zum Beispiel.
Sie gibt sich alle Mühe, Entscheidungen einzuhegen, zu regeln, zu standardisieren.
Aus Misstrauen.
Aus dem tief sitzenden Zweifel daran, dass Menschen verantwortlich mit Freiheit umgehen können.

Vielleicht steckt darin sogar eine alte Wahrheit.
Selbstbestimmung ist anstrengend.
Sie verlangt Urteilskraft. Mut. Verantwortung.

Aber genau diese Energie ist es, die eine demokratische Gesellschaft trägt.

Wenn wir sie ersticken, ersticken wir mehr als nur Initiative.
Wir ersticken den Kern unserer Freiheit.

Dabei vergessen wir manchmal, wie kostbar das ist.

Milliarden von Menschen folgen autoritären Strukturen oder wählen sie sogar herbei.
Systemen, die genau diese Selbstbestimmung nicht bieten können und auch nicht wollen.

Das wirft eine unbequeme Frage auf.
Was sagt das über uns Menschen aus?

Suchen wir vielleicht am Ende gar nicht die Freiheit,
sondern die Entlastung von ihr?

Denn Autokratie hat einen verführerischen Vorteil.
Sie nimmt dir Entscheidungen ab.
Sie nimmt dir Verantwortung ab.
Sie nimmt dir Zweifel ab.

Selbstbestimmung tut genau das Gegenteil.

Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Gefahr…
Dass wir sie unterschätzen, weil sie uns fordert.

Selbstbestimmung ist kein Geschenk.
Sie ist eine Aufgabe.

Keine einmal errungene Errungenschaft.
Sondern eine tägliche Entscheidung.
Eine Haltung.

Und vielleicht sollten wir uns wieder öfter fragen…
Nicht, was uns zusteht.
Sondern was wir bereit sind zu tragen, um es zu bewahren.

Denn am Ende ist die Frage keine politische.
Sie ist persönlich.

Wie viel ist uns Selbstbestimmung wirklich wert?

Was ist uns Selbstbestimmung wert?

Kein Platz, wenn jemand endlich reden will

Ich sitze heute Morgen an meinem Schreibtisch in Weener und lese einen Bericht, der mich nicht überrascht.
Der mich aber trotzdem trifft und wütend macht.

Ab April kürzen die Krankenkassen die Honorare für Psychotherapeuten um bis zu 4,5 Prozent.
Klingt technisch. Ist es aber nicht.

Ich begleite Menschen, die Gewalt erlebt haben. Körperliche Gewalt. Psychische Gewalt.
Menschen, die als Kinder zusehen mussten, wie ihre Geschwister oder die Mutter geschlagen wurde. Menschen, die jahrelang gebraucht haben, um überhaupt den Mut aufzubringen, Hilfe zu suchen.

Und wenn sie diesen Mut endlich haben, dann fange ich an zu telefonieren.
Praxis nach Praxis. Ein Kontakt nach dem anderen. Ostfriesland ist nicht München. Hier gibt es keine Warteliste von drei Monaten. Hier gibt es manchmal gar keinen Platz.

Und jetzt wird das System, das ohnehin schon maximal am Limit läuft, noch weiter ausgeblutet.

Eine Therapeutin, über die berichtet wird, hat 15 Jahre gebraucht, um ihren Kassensitz zu bekommen. 15 Jahre. Studium, Ausbildung für 6,27 Euro die Stunde, zehntausende Euro eigene Investition – und am Ende ein Einkommen, das oft unter dem eines Facharbeiters liegt. Und jetzt soll sie noch weniger bekommen.
Gleichzeitig fehlen in Deutschland rund 7.000 Kassensitze.
Die durchschnittliche Wartezeit liegt bei knapp fünf Monaten.
In einer ländlichen Region wie unserer ist sie noch viel, viel länger.

Und das Bundesgesundheitsministerium?
Wollte sich nicht äußern. Zuständigkeit liege woanders.

Ich kenne diesen Satz. Ich höre ihn so oft.

Was ich auch kenne, ist der Moment, wenn ein Mensch nach Monaten oder Jahren endlich bereit ist.
Bereit, über das zu sprechen, was ihm passiert ist.
Bereit, Hilfe anzunehmen.

Und ich muss ihm dann sagen… Es gibt gerade keinen Platz.
Warten Sie.
Wie lange?
Das weiß ich nicht. Ich tue mein Bestes.

Wer jetzt denkt, das ist ein Problem für andere – der irrt.
Psychische Erkrankungen kennen keine Einkommensgrenze. Aber die Behandlung kennt eine.

Wer sich Privattherapie leisten kann, bekommt in zwei Wochen einen Termin. Wer es nicht kann, wartet.
Oder wartet nicht mehr.

Ich frage mich immer öfter, wie viele Menschen wir wohl verlieren, während das System über Strukturveränderungen verhandelt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das steht in unserem Grundgesetz. Artikel 1.
Bei mir der wichtigste Satz für meine Arbeit.

Psychische Gesundheit ist keine Luxusleistung. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Würde überhaupt gelebt werden kann.

Wer das kürzt, kürzt nicht an einem Honorar.
Der kürzt an Menschen.
Deshalb bleibt am Ende keine abstrakte Debatte.
Sondern eine einfache Forderung der Außenstelle des WEISSEN RING Leer:

Schafft ausreichend Therapieplätze!
Bezahlt die Menschen, die diese Arbeit tragen, angemessen.
Und hört auf, ein System weiter zu schwächen, das für viele der letzte Halt ist.

Alles andere ist kein Sachzwang.
Es ist eine Entscheidung.

Kein Platz, wenn jemand endlich reden will

Jede Tür eine andere Welt

Sie war wegen etwas anderem bei mir.
Ein WEISSER-RING-Gespräch, mit einem Anliegen, das seinen Raum bekommen hat.

Aber dann fing sie an zu erzählen.
Und ich durfte zuhören.

Von ihrer Arbeit.
Sie ist Pflegerin in der ambulanten Altenpflege.
Fährt morgens los – von Haushalt zu Haushalt, von Tür zu Tür.
Und weiß nie, was sie erwartet.

Manchmal vibriert die Luft vor Freude.
Manchmal vor Leid.
Manchmal ist es einfach still – und die Stille sagt mehr als jedes Wort.

Der dunkle Raum des Erlebten, der Grund, warum sie zu mir gekommen war, rückte langsam in den Hintergrund.
Überstrahlt von der Erzählung ihrer Arbeit. Mit leuchtenden Augen.

Sie erzählte von den Menschen hinter den Türen.
Die Aufgeweckten, die schon warten.
Die Brummeligen, die erst einmal in Ruhe gelassen werden wollen.
Die Dankbaren, die jede Berührung festhalten möchten.
Die Distanzierten, die Nähe suchen, aber nicht wissen wie.
Die Schweigsamen.
Die Redseligen.

Die, die Schmerzen haben und sie wegbeißen, weil sie es so gelernt haben. Weil Klagen nicht zu ihnen gehört.
Und die, die leiden und langsam verwelken in ihren Schmerzen – sichtbar und letztendlich doch so allein damit.

Menschen, die Geschichten in sich tragen, schwerer als alles, was danach kam.
Krieg. Entbehrung. Verlust.
Und trotzdem noch da.

Jede Tür eine andere Welt.
Jeden Morgen neu.

Ich weiß nicht, ob sie sich bewusst ist, was sie tut.
Aber ich weiß es.
Menschen, die jeden Morgen losfahren, ohne zu wissen, was hinter der nächsten Tür wartet.
Die sich einlassen – auf Freude und auf Leid.
Auf Schweigen.
Auf Geschichten, die sonst niemand mehr hört.
Das ist kein Job.
Das ist eine Haltung.

Ambulante Altenpflege ist so großartig. Hinter jeder Tür wartet ein ganzes Leben.
Eine Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt – still, verlässlich, oft unsichtbar.

Diesen Menschen gehört mehr als Applaus.
Ihnen gehört unser Respekt.
Jeden Tag.
Nicht nur dann, wenn eine Pandemie uns daran erinnert, dass sie da sind.


Opfern zur Seite zu stehen, sie zu begleiten – das ist mir eine Ehre und Aufgabe.

Und manchmal, wie in diesem Fall, ist es auch ein Geschenk.

Jede Tür eine andere Welt

„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

Gedanken zu den Wahlergebnissen

Mein Vater war die längste Zeit seines Lebens Landarbeiter.
In Wymeer, an der niederländischen Grenze.

Als ich klein war, gab es in unserem Zuhause kein fließendes Wasser und keinen Strom.

Meine Eltern – und viele Arbeiterfamilien wie sie – haben dieses Land buchstäblich getragen.
Mit den Händen.
Mit dem Rücken.
Ohne dass irgendjemand gefragt hätte, was sie darüber denken.

Niemand hat gefragt.
Das hat meinen Vater nicht gebrochen.
Aber es hat ihn geprägt.

In meinem Zuhause und bei der Arbeit habe ich gelernt, was Würde bedeutet – und was es kostet, wenn man sie einem Menschen nimmt.

Ich denke oft an meinen Vater, wenn ich heute höre:
„Die Arbeiter wählen jetzt AfD.“

Als wäre das eine Überraschung.
Als hätten wir nicht jahrzehntelang zugeschaut, wie genau diese Menschen – die schuften, die tragen, die liefern – das Gefühl bekamen, dass ihre Stimme nichts zählt.
Dass über sie geredet wird.
Aber nicht mit ihnen.

Irgendwann kippte etwas.

Aus dem Streit um gerechte Verteilung wurde ein Streit um Anerkennung.
Wer dazugehört.
Wessen Sprache richtig ist.
Wessen Bildung zählt.
Wessen Erfahrung überhaupt noch Gewicht hat.

Und wer wirtschaftliche Sicherheit, eine einigermaßen verlässliche Zukunft und gleichzeitig das Gefühl von kultureller Heimat verliert, der wird wütend.
Oder er verschwindet.

Das Vakuum hat die AfD gefüllt.

Nicht weil sie auch nur ansatzweise bessere Antworten hätte.
Sondern weil sie genau diese offene Wunde bedient.
Weil sie vorgibt, diese Menschen zu vertreten.

Auch wenn das, was sie tatsächlich anstrebt, vielen von ihnen und unserer Heimat am Ende schaden würde.

Doch was bräuchte es stattdessen?

Keine neuen Slogans.
Keine Kampagnen.
Keine Talkshow-Runden über „abgehängte Regionen“.

Sondern überzeugte, mit Leidenschaft kämpfende Menschen mit Rückgrat.
Menschen, die ohne Schutzdistanz auf andere zugehen.
Die wissen, was Schichtarbeit bedeutet.
Die nicht erklären müssen, wie sich ein rauer Arbeitstag anfühlt. Wie anstrengend es sein kann, heute mit dem Verdienst auszukommen.

Menschen, die nicht von oben herab schauen,
weil sie nie vergessen haben, woher sie kommen.

Respekt kann man nicht trainieren.
Man kann ihn auch nicht plakatieren.
Man spürt ihn.
Oder eben nicht.

Mein Vater hat dieses Land getragen.
Niemand hat ihn gefragt.

Das war falsch.

Und es ist noch nicht zu spät, das zu ändern.

Aber dafür müsste jemand anfangen, offen zu sagen:
Ja, wir haben Fehler gemacht.
Fehler im Umgang mit den Menschen, die dieses Land tragen.
Ohne Hintertür. Ohne Ausreden.

Denn eines stimmt bis heute.
Deine Arbeit trägt dieses Land.
Und deine Stimme sollte es auch.

Und die Radikalen hätten ausgedient.

„Mein Vater hat dieses Land getragen. Gefragt hat ihn niemand.“

Andere hätten lauter geklatscht….

Mut zur Veränderung – eine Betriebsversammlung im Herbst 1993

In Zeiten, in denen sich unser Land zwischen Beharrung, Überforderung und populistischer Verheißung verliert, wird Veränderung schnell zur Bedrohung und Haltung zur Zumutung. Dabei zeigt die Erfahrung: Menschen können sehr viel ertragen, sehr viel leisten und sehr viel aushalten – wenn sie spüren, dass leidenschaftlich um sie gekämpft wird und nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Im Herbst 1993 stand unsere Werft vor einer entscheidenden Wegmarke. Die Auseinandersetzungen um die notwendige Emsvertiefung hatten sich zu einem erbitterten Streit ausgewachsen. Tag für Tag prasselten Presseberichte, politische Statements und Klagedrohungen auf uns ein. Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung luden wir zur Betriebsversammlung ein – eine Veranstaltung, die unter völlig anderen Vorzeichen stand als sonst.

Zuvor hatten in den Jahren zuvor zwei Kreuzfahrtschiffe – Zenith und Horizon – erfolgreich an Celebrity Cruises abgeliefert. Im Frühjahr war dann mit der ORIANA für P&O der bislang prestigeträchtigste Neubau auf Kiel gelegt worden. Ein Flaggschiff für Großbritannien, gefertigt im Binnenland – das war ein gewagtes, aber symbolträchtiges Projekt. Wir wussten, wie viel davon abhing – für uns, für die Reederei, für das Land Niedersachsen. Auch Ministerpräsident Schröder hatte sich für die Emsanpassung ausgesprochen. Doch es blieb eine Baustelle unter Vorbehalt. Die Ungewissheit lastete auf uns allen.

In dieser Situation war mir klar: Wir dürfen keine Kommunikationslücken zulassen. Die Betriebsversammlung war sehr gut besucht – und die Anspannung war mit Händen zu greifen. Keine Show, keine Routine. Es ging um mehr.

Die Werft war im Umbruch. Neue Fertigungsprinzipien, Vorausrüstung, Gruppenarbeit, das Ende des traditionellen „Makersystems“. Vieles veränderte sich in rasantem Tempo. Für viele, gerade ältere Kollegen, wurde das zu einer Dauerbelastung. Die Zahl der Anfragen zur 58er-Regelung nahm zu. Und hinzu kamen politische Forderungen, die Werft doch lieber an die Küste zu verlegen – was für viele einem sozialen Kahlschlag gleichgekommen wäre. Denn hier hingen Familienleben, Nachbarschaften, ganze Kommunen am Arbeitsplatz Werft.

Ich war in dieser Zeit mehr als nur Betriebsratsvorsitzender. Ich wurde Sprecher, Verteidiger, manchmal auch Projektionsfläche. Es gab Zustimmung, aber auch Widerstand. Und es gab immer wieder extrem bösartige Gerüchte. Alles frei erfunden, aber schmerzhaft für meine Familie. Heute wären solche Kampagnen in sozialen Medien kaum noch kontrollierbar.

Trotz allem war mir klar. Wir dürfen nicht bloß reagieren – wir müssen gestalten. Auch gegen Widerstände. Ich hatte bei Volvo in Uddevalla die Gruppenarbeit gesehen und war überzeugt: Das brauchen wir auch. Doch das war nicht nur technisch, sondern auch kulturell eine Zäsur – selbst im Betriebsrat und in der IG Metall.

An diesem Tag der Betriebsversammlung lag all das in der Luft. Nach den Berichten der Betriebsräte und der Geschäftsleitung kam die übliche Runde der Wortmeldungen. Als die letzten Fragen gestellt waren, war es an mir, das Schlusswort zu halten. Und obwohl hinten bereits erste Bewegung war – die Versammlung neigte sich dem Ende zu – hatte ich noch etwas vorbereitet. Ohne Absprache. Ohne doppelten Boden.

Meine Schlusssätze waren folgende:

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir alle haben in den letzten Jahren gezeigt, zu welchen Leistungen wir fähig sind, welch außerordentliche Kräfte in uns stecken. Wir als ein Team, als solidarische Gemeinschaft haben schwierige Zeiten hinter uns. Und heute stehen wir wieder vor großen Herausforderungen.
Und liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann euch versprechen, morgen und übermorgen werden die Hürden noch höher sein.
Dies ist kein tragisches Schicksal, dies ist unsere Chance.
Denn diesen Hürden müssen sich auch alle anderen stellen. Wir müssen keine Angst vor den Veränderungen haben. Wir sind nie schwächer, sondern ganz im Gegenteil, wir sind immer stärker geworden, je schwerer es für uns war.
Herausforderungen, ja fast unmöglich Erscheinendes anzunehmen, daran zu wachsen das steckt in unserer Geschichte, das ist in unserer DNA.
Wie oft hat man mir auf den Versammlungen, als wir die kleinen und die anderen die großen übermächtigen Werften waren, gezeigt und auch gesagt, dass wir doch eigentlich keine Chance hätten.
Es schwang immer mit, dass ein solcher Schiffbau wie wir ihn betreiben doch eher nach Hamburg, Bremen oder Emden aber doch ganz sicher nicht nach Papenburg gehöre.
Und wann immer meine Kollegen von den anderen Werften ganz offen oder ganz neidisch auf unser Scheitern wetteten, dann war es das Wissen um unsere Stärke, die wir aus unserer Tradition ziehen, die mich stolz und stark machte.
Man hat mich immer wieder in verschiedenen Diskussionen (auch in den Diskussionen zur Ems) davor gewarnt euch falsche Hoffnungen zu machen.
Wir lägen so tief im Binnenland, gehören keinem Konzern an der hinter uns stände, (unausgesprochen – warum gebt ihr nicht auf?). Warum sollte es uns anders gehen als den vielen anderen stolzen Werften in Deutschland?
Doch diese ganzen Leute kennen uns eben nicht!
Man hat immer neue Hindernisse herbeigeredet, unsere Vorwärtsstrategie bezweifelt. Doch immer wieder haben wir in unserer Geschichte gezeigt das wir eine so große kollektive Stärke, Begeisterung und so starke Träume haben, die so viel größer sind als jede mögliche Verzagtheit, größer sind als die Angst vor einem Scheitern.
Wir haben Aufträge und wir werden das beste daraus machen, dessen bin ich mir ganz sicher.
Wir werden auch die Politik und alle Zauderer immer wieder überzeugen auf die richtige Werft zu setzen. Doch, liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns keine Illusionen.
Uns wird nur geholfen, wenn wir erfolgreich sind.
Heinrich Hövelmann sagte vor kurzem zu mir: Wenn die ersten Mitleid bekunden, dann habt ihr verloren.

Lassen wir es nicht so weit kommen.
Unsere Tradition ist es, uns immer wieder in Frage zu stellen, nie zufrieden zu sein.
Unsere Tradition ist es immer als erste das Unmögliche möglich zu machen.
Und deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Herren der Geschäftsleitung, liebe Führungskräfte sollten wir jetzt die Zeit nach unseren Erfolgen bei der Zenith und der Horizont nutzen ums uns neu zu erfinden.
Wir ändern uns noch zu wenig.
Wir sind noch zu vorsichtig.
Wir sind nicht aggressiv genug.
Wir sind zu langsam.
Wir sollten ausnahmslos alles in Frage stellen und auch bereit sein sogar unsere Erfahrungen über Bord zu werfen, wenn sie uns am Neuen hindern.
Wir sollten jetzt, heute, hier in Frage stellen was wir in den letzten Jahren gemacht haben, was wir kennen, was wir wissen. Wir sollten uns nicht zufriedengeben mit dem, was wir bisher erreicht haben.
Nichts sollte unserem kritischen Blick entgehen.
Denn jetzt ist die Zeit um unsere Werft nochmals neu zu erfinden, jetzt ist die Zeit und nicht erst morgen.

Ich hatte lange an diesen Sätzen gearbeitet. Und wie so oft begleitete mich dabei die Musik von Bruce Springsteen. Sie gab mir Kraft, Rhythmus, Haltung. Und ich hatte auf Beifall gehofft – vielleicht auch darauf, dass die Mannschaft in meinem Appell eine gemeinsame Vision erkennt. Doch was folgte, war für mich ein Schock. Nur vereinzeltes Klatschen. Dann Stille.

Ich sah Kopfschütteln, starre Blicke, gesenkte Augen. Meine Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat tuschelten, schauten verlegen beiseite. Die Geschäftsleitung wirkte überrascht. Die Unsicherheit war spürbar. In den hinteren Reihen setzten sich einige, die bereits aufgestanden waren, wieder hin.

In meinem Inneren tobte ein Sturm. Ich war enttäuscht. Ich war wütend. Ich war allein.

Dann hob sich eine Hand. Ein altgedienter Kollege – Vorarbeiter in der Instandhaltung – bat um das Wort. Ich gab es ihm. Und wurde nicht entlastet, sondern konfrontiert. In seiner typischen sehr ehrlichen Art warf er mir vor, eine klassische Managerrede gehalten zu haben. Kein Lob, kein Dank – nur neue Anforderungen. Die Mannschaft brauche aber Anerkennung. Zeit zum Durchatmen. Eine Pause nach harter Arbeit. Die Halle applaudierte und zeigte Zustimmung. Nicht für mich.

Wie sollte ich die Versammlung so beenden? Ich ging zurück zum Mikrofon.

Meine Replik war spontan – aber klar:

Liebe Kolleginnen und Kollegen eins habe ich noch vergessen.
Ich mag Fritz sehr und ich liebe seine Wortbeiträge. Das kann ihm keiner nachmachen.
Und ich finde es gut, wenn Kollegen für ihre Wortbeiträge viel Beifall bekommen.
Das brauchen wir für eine lebendige Versammlung.
Doch heute, gerade eben, liebe Kolleginnen und Kollegen, lagt ihr falsch.
Lasst euch doch bitte noch mal durch den Kopf gehen, für was ihr Applaus gespendet habt.
Es wurde gesagt, Lob habt ihr verdient.
Richtig, Lob habt ihr verdient.
Stolz sollte man auf eure Leistung sein.
Richtig, das könnt ihr alle.
Wer wollte das in Abrede stellen?
Zurücklehnen und etwas ausruhen solltet ihr euch …..???
Das ist grundfalsch!
Ihr habt hierfür applaudiert – das war falsch.
Glaubt mir, wenn in eurer Mitte unsere Konkurrenten, Japaner und Koreaner gesessen hätten, dann hätten diese doppelt so laut geklatscht wie ihr gerade eben.
Denn genau so schlagen sie uns. Wenn wir warten, wenn wir uns bequem zurücklehnen, wenn wir satt und zufrieden sind – dann und nur dann schlagen sie uns!
Überlegt mal ganz genau ob euer Applaus an der Stelle richtig oder vielleicht etwas gedankenlos war?
Die Betriebsversammlung ist geschlossen.

Später, beim Hinausgehen, legte mir ein alter Kollege aus dem Betriebsrat die Hand auf die Schulter. „Such dir schon mal einen neuen Job. Das heute – das kostet dich das Mandat.“
Ich antwortete: „Wenn ich für meine Überzeugung abgewählt werde, dann habe ich es nicht besser verdient – aber dann verdienen mich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht.“

In den Folgemonaten war ich in allen Pausen präsent – an Tischen, in Werkshallen, in Pausenräumen. Ich diskutierte, erklärte, hörte zu. War heißer und kämpfte.
Und ich lernte, Menschen wollen Klarheit, nicht Gefälligkeit. Sie spüren, ob du es ernst meinst. Ob du stehst wenn es stürmisch wird.

Bei der Betriebsratswahl erreichte ich fast 90% Zustimmung.

Diese Versammlung hat mich geprägt. Sie war vielleicht meine schwerste Stunde – und vielleicht auch meine wichtigste.

Die Aufgabe unserer Zeit ist es, leidenschaftlich um die Menschen zu kämpfen – um ihre Würde, ihre Sicherheit, ihre Zukunft – und sie nicht den Populisten zu überlassen, die einfache Antworten auf Hass, Wut und Frust züchten, während sie Vertrauen zerstören, Gemeinschaft spalten und die Lasten am Ende anderen aufbürden.

Andere hätten lauter geklatscht….

Die neue Arena

Parabel: Die goldene Arena

Es gibt wieder eine Gladiatorenarena.
Uralte Mauern aber über und über frisch vergoldet.
Im Sand unten quälen sich normale Menschen, hungern, leiden, sterben.
Und oben fließt der Wein.

Auf den Rängen sitzen die Reichen dieser Welt. Mit Milliarden erkaufen sie sich die Gunst des Imperators. In Glanz und Seide.

Sie lachen, wetten, speisen, verbrauchen all das, was die Menschheit für die Zukunft bräuchte, vergiften alles, was gut ist.

Sie hetzen Länder, Menschen, Kulturen aufeinander und ergötzen sich an den Tragödien.

Das Sterben im Sand dieser Arena ist für sie Teil eines Geschäftskonzeptes.
Jede Katastrophe macht sie reicher. Das Verhungern von Kindern infamer Teil der Kulisse.

In der Arena kämpfen keine Krieger. Es kämpfen Länder.
Menschen die sich nicht kennen, aber aufgestachelt werden, sich plötzlich hassen, ohne zu wissen warum.

Mit bloßen Händen. Mit letzter Kraft.
Wer fällt, wird nicht beklagt – er wird abgewickelt, er wird ersetzt.
Wird als schwach bezeichnet und noch zusätzlich in den Staub getreten.

Der Herr der Spiele hebt oder senkt grinsend den Daumen.

Er spricht von Ordnung. Von Sicherheit und vergewaltigt doch Stunde für Stunde Wahrheit, Werte, Anstand und Moral. Er spricht von Deals.

Und der Sand saugt das Blut auf.

Und bleibt erstaunlich sauber.
Denn die, die darüber berichten könnten, gehören den neuen Diktatoren dieser Welt.

Manche auf den Rängen wissen,
dass sie morgen selbst unten stehen könnten.
Doch sie trinken und johlen weiter mit.

Hauptsache, heute nicht.

Und so dauert das Spiel des neuen Imperators und seiner reichen Gönner an.
Nicht weil es gerecht ist.
Nicht weil Zukunft hat.
Nicht weil sie so stark sind.

Sondern weil genug Menschen einfach nur zuschauen.
Und hoffen, niemals in den Sand gerufen zu werden.

Diese Arena lebt nicht vom Mut der Gladiatoren.
Sie lebt von der Gleichgültigkeit der Zuschauer, der Uneinigkeit, des Misstrauens und dem falschen Gefühl der Machtlosigkeit.

Die Frage ist nicht, wer als Nächster fällt.

Die Frage ist, wann die Ränge leer bleiben.

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,
als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

(Mt 19,24)

Auf das heute übertragen…..

Wer im Glanz der Logen sitzt,
dem Sterben zusieht
und das Hungern verwaltet,
hat den Zugang zur Menschlichkeit verloren –

Nicht aus Mangel an Geld,
sondern aus Mangel an Haltung.
Wer Leid und Angst in Deals übersetzt steht außerhalb jeder Moral.

Wer Frieden verkauft,
Hunger kalkuliert
und Macht mit Geld verwechselt,
regiert vielleicht im Moment die Arena –
aber nicht die Zukunft.

Die neue Arena

Wie Moses am Roten Meer

Der Moses-Moment in Schwerin

1997 trat ich meine neue Aufgabe als Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie an. Es war eine herausfordernde Zeit. Umstrukturierungen, politische Gespräche, Kontakte zu Verbänden, Ministerien, Gewerkschaften – ein dichtes Geflecht aus Interessen, Einfluss und Unsicherheiten.

Irgendwann gab mir Bernard Meyer einen freundlichen, aber unmissverständlichen Hinweis: „Lassen Sie sich auch mal bei den größeren Arbeitgebertagungen blicken.“

Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Der Arbeitgeberverband Mecklenburg-Vorpommern hatte zu einer Diskussion mit der neuen Landesregierung geladen – rot-rot regiert, was für viele in der Wirtschaft einem politischen Erdbeben gleichkam.

Ich fuhr also nach Schwerin, in die Landeshauptstadt. Ein großer Konferenzsaal, auf Hochglanz poliert. Reihen voller Anzugträger, sachlich, distanziert – und doch gespannt, fast elektrisiert. Ich war ein neues Gesicht in dieser Runde, wurde mit neugierigen Blicken gemustert. Einige kannten meinen Namen, andere nur die Meyer Werft.

Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands begrüßte die Versammlung. Besonders hervorgehoben wurden der Chef der Staatskanzlei Otto Ebnet und Innenminister Gottfried Timm – beide auf den vorderen Plätzen.

Kaum war das Protokoll beendet, brach eine Welle los, die ich so nicht erwartet hatte.

Redner um Redner erhob sich. Und mit jedem Beitrag wurde der Ton schärfer, die Kritik lauter, die Angriffe persönlicher. Es war keine Diskussion, es war eine Kanonade. Eine Tirade gegen die neue Landesregierung, gegen Sozialdemokraten, gegen die rot-rote Koalition, gegen angebliche wirtschaftliche Katastrophen, die bevorstünden.

Ich saß da, als langjähriger, überzeugter Sozialdemokrat, und spürte, wie mir der Schweiß über den Rücken lief.

Der Vertreter der Rostocker Arbeitgeber, der meine Vergangenheit als Betriebsratsvorsitzender kannte, schaute mich verunsichert an. Ich lächelte dünn zurück.

Der Gipfel der Empörung kam in Gestalt des CDU-Fraktionsvorsitzenden Otto Rehberg. Er donnerte mit bebender Stimme gegen die Landesregierung, malte Untergangsszenarien, und als er zum Schluss kam, brandete frenetischer Applaus auf. Stampfende Füße, begeisterte Zurufe – ich erwartete jeden Moment, dass jemand auf den Tisch sprang.

Und die beiden Regierungsvertreter? Lächelten milde, machten ein paar harmlose Bemerkungen – keine Replik, kein Konter. Ich konnte es kaum glauben.

Dann fragte der Vorsitzende nach weiteren Wortmeldungen.

Ich schaute mich um. Niemand regte sich.

Also hob ich die Hand.
Der Rostocker Arbeitgebervertreter sah mich erschrocken an – sein Blick sagte: „Lass das lieber.“
Doch es war zu spät.

Ich stand auf.

„Mein Name ist Paul Bloem, ich bin Sonderbeauftragter der Meyer Werft für die Neptun Industrie, ehemaliger Betriebsrat, IGM-Mitglied – und bekennender Sozialdemokrat.“

Totenstille.
Alle Augen auf mich gerichtet.
Man hätte trotz des Gemurmels zwischendurch eine Stecknadel fallen hören können.

Ich atmete tief durch.

„Zuerst einmal möchte ich daran erinnern, dass wir es hier mit einer demokratisch gewählten Regierung zu tun haben und keinem Militärputsch. Und ich finde, – so, wie wir hier miteinander umgehen, gehört sich das nicht.“

Dann sprach ich ruhig, aber bestimmt einige sachliche Punkte aus den vorangegangenen Reden an. Keine Polemik. Keine Parolen. Nur eine andere Perspektive.

Kein Applaus, als ich mich wieder setzte. Nur ein Räuspern hier und da.

Der Vorsitzende eierte etwas herum, bedankte sich verlegen.
Ich glaube, dass wohl alle bemerkt hatten, dass man an diesem Tag ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war.

Da sich niemand weiter zu Wort meldete, war die Versammlung damit beendet.

Die beiden Regierungsvertreter verließen zügig den Raum. Ich blieb noch, packte meine Tasche – und ging zum Buffet.

Und dort erlebte ich einen Moment, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Als ich mich dem Tisch näherte, teilte sich die dicht stehende Menge wie das Rote Meer bei Moses. Die Menschen traten zur Seite. Neugierige, aber auch ablehnende Blicke trafen mich.
Ich konnte mich völlig ungehindert bedienen – der Moses-Effekt.

Wenig später saß ich im Auto. Der Sommerabend war warm, das Laub einer mächtigen Eiche rauschte leise im Wind. Ich dachte kurz nach, zögerte – und griff dann doch zum Telefon.

„Hallo Herr Meyer“, sagte ich.
„Ich war heute bei der Versammlung …“
Gespanntes Lauschen am anderen Ende.
„… und ich habe mich auch zu Wort gemeldet.“

Schweigen.

Dann, leise, fast erschüttert.
„Oh Gott.“

Wie Moses am Roten Meer

Die Rede des kanadischen Premierministers in DAVOS

Hier der beeindruckend ehrliche Wortbeitrag des kanadischen Premierministers in Davos in der deutschen Übersetzung (KI unterstützt)

Danke, Larry.
Es ist eine Freude – und eine Pflicht –, heute an diesem Wendepunkt für Kanada und für die Welt bei Ihnen zu sein.
Heute werde ich über den Bruch in der Weltordnung sprechen, über das Ende einer schönen Geschichte und über den Beginn einer brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinen Beschränkungen mehr unterliegt.
Aber ich möchte Ihnen auch darlegen, dass andere Länder, insbesondere Mittelmächte wie Kanada, nicht machtlos sind. Sie haben die Fähigkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, die unsere Werte verkörpert – wie die Achtung der Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, Solidarität, Souveränität und territoriale Unversehrtheit von Staaten.

Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.

Jeden Tag wird uns vor Augen geführt, dass wir in einer Ära der Rivalität zwischen Großmächten leben. Dass die regelbasierte Ordnung schwindet. Dass die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erdulden, was sie müssen.
Diese Aphorismus von Thukydides wird als unvermeidlich dargestellt – als natürliche Logik der internationalen Beziehungen, die sich wieder durchsetzt. Und angesichts dieser Logik tendieren viele Länder stark dazu, sich anzupassen, um dazuzugehören. Sich zu fügen. Ärger zu vermeiden. Zu hoffen, dass Compliance Sicherheit bringt.
Das wird sie nicht.
Welche Optionen haben wir also?
1978 schrieb der tschechische Dissident Václav Havel einen Essay mit dem Titel „Die Macht der Machtlosen“. Darin stellte er eine einfache Frage: Wie konnte sich das kommunistische System aufrechterhalten?
Seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler. Jeden Morgen stellt dieser Ladenbesitzer ein Schild ins Fenster: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er stellt das Schild trotzdem auf – um Ärger zu vermeiden, um Anpassung zu signalisieren, um mitzuschwimmen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, besteht das System fort.
Nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind.
Havel nannte dies „im Lügenleben“. Die Macht des Systems stammt nicht aus seiner Wahrheit, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu tun, als sei es wahr. Und seine Fragilität stammt aus derselben Quelle: Wenn auch nur eine Person aufhört mitzuspielen – wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt – beginnt die Illusion zu bröckeln.

Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder abnehmen.
Über Jahrzehnte prosperierten Länder wie Kanada unter dem, was wir die regelbasierte internationale Ordnung nannten. Wir traten ihren Institutionen bei, priesen ihre Prinzipien und profitierten von ihrer Berechenbarkeit. Wir konnten wertebasierte Außenpolitik unter ihrem Schutz betreiben.
Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass die Stärksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte. Dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und dass internationales Recht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde.
Diese Fiktion war nützlich, und die amerikanische Hegemonie lieferte insbesondere öffentliche Güter: offene Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und Unterstützung für Rahmen zur Streitbeilegung.

Also stellten wir das Schild ins Fenster. Wir nahmen an den Ritualen teil. Und wir vermieden weitgehend, die Lücken zwischen Rhetorik und Realität zu benennen.
Dieses Geschäft funktioniert nicht mehr.
Lassen Sie mich direkt sein: Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben eine Reihe von Krisen in den Bereichen Finanzen, Gesundheit, Energie und Geopolitik die Risiken extremer globaler Integration offenbart.
In jüngerer Zeit begannen Großmächte, wirtschaftliche Integration als Waffe zu verwenden. Zölle als Druckmittel. Finanzinfrastruktur als Mittel der Nötigung. Lieferketten als auszubeutende Verwundbarkeit.
Man kann nicht „in der Lüge“ des gegenseitigen Nutzens durch Integration leben, wenn Integration zur Quelle der eigenen Unterordnung wird.

Die multilateralen Institutionen, auf die Mittelmächte angewiesen waren – die WTO, die UN, die COP – die Architektur der kollektiven Problemlösung – sind stark geschwächt.
Viele Länder ziehen daher dieselbe Schlussfolgerung: Sie müssen größere strategische Autonomie entwickeln – in Energie, Ernährung, kritischen Mineralien, Finanzen und Lieferketten.
Dieser Impuls ist verständlich. Ein Land, das sich nicht selbst ernähren, mit Energie versorgen oder verteidigen kann, hat wenige Optionen. Wenn die Regeln dich nicht mehr schützen, musst du dich selbst schützen.
Aber wir sollten uns klar darüber sein, wohin das führt. Eine Welt der Festungen wird ärmer, fragiler und weniger nachhaltig sein.
Und es gibt noch eine andere Wahrheit: Wenn Großmächte selbst den Anschein von Regeln und Werten für das ungehinderte Streben nach Macht und Interessen aufgeben, wird es schwieriger, die Vorteile des „Transaktionalismus“ zu reproduzieren. Hegemone können ihre Beziehungen nicht endlos monetarisieren.
Verbündete werden diversifizieren, um sich gegen Unsicherheit abzusichern. Versicherungen kaufen. Optionen erweitern. Das stärkt die Souveränität – Souveränität, die einst auf Regeln beruhte, aber zunehmend auf der Fähigkeit beruht, Druck standzuhalten.
Wie ich sagte, hat klassisches Risikomanagement seinen Preis, aber die Kosten für strategische Autonomie, für Souveränität, können geteilt werden. Kollektive Investitionen in Resilienz sind günstiger, als wenn jeder seine eigene Festung baut. Gemeinsame Standards reduzieren Fragmentierung. Komplementarität ist ein Positivsummenspiel.
Die Frage für Mittelmächte wie Kanada lautet nicht, ob wir uns an diese neue Realität anpassen. Wir müssen es. Die Frage ist, ob wir uns anpassen, indem wir einfach höhere Mauern bauen – oder ob wir etwas Ambitionierteres tun können.
Kanada war eines der ersten Länder, das den Weckruf hörte, was uns dazu führte, unsere strategische Ausrichtung grundlegend zu verändern.
Kanadier wissen, dass unsere alte, bequeme Annahme, dass unsere Geografie und Bündnismitgliedschaften uns automatisch Wohlstand und Sicherheit verschaffen, nicht mehr gültig ist.
Unser neuer Ansatz beruht auf dem, was Alexander Stubb als „wertebasierten Realismus“ bezeichnet – oder, anders ausgedrückt, wir wollen prinzipientreu und pragmatisch sein.
Prinzipientreu in unserem Engagement für fundamentale Werte: Souveränität und territoriale Unversehrtheit, das Verbot der Anwendung von Gewalt, außer im Einklang mit der UN-Charta, die Achtung der Menschenrechte.
Pragmatisch in der Erkenntnis, dass Fortschritt oft schrittweise erfolgt, dass Interessen divergieren, dass nicht jeder Partner unsere Werte teilt. Wir engagieren uns breit, strategisch, mit offenen Augen. Wir stellen uns aktiv der Welt, wie sie ist – und warten nicht auf die Welt, die wir uns wünschen.
Kanada kalibriert unsere Beziehungen so, dass ihre Tiefe unsere Werte widerspiegelt. Wir priorisieren breites Engagement, um unseren Einfluss zu maximieren, angesichts der Fluidität der Weltordnung, der damit verbundenen Risiken und der entscheidenden Bedeutung dessen, was als Nächstes kommt.
Wir verlassen uns nicht länger nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke.
Wir bauen diese Stärke zu Hause auf.
Seit meine Regierung im Amt ist, haben wir die Steuern auf Einkommen, Kapitalgewinne und Unternehmensinvestitionen gesenkt, wir haben alle bundesstaatlichen Hindernisse für den interprovinziellen Handel beseitigt und wir beschleunigen Investitionen in Höhe von einer Billion Dollar in Energie, KI, kritische Mineralien, neue Handelskorridore und mehr.
Wir verdoppeln unsere Verteidigungsausgaben bis 2030 und tun dies auf eine Weise, die unsere heimische Industrie stärkt.
Wir diversifizieren uns schnell im Ausland. Wir haben eine umfassende strategische Partnerschaft mit der Europäischen Union vereinbart, einschließlich unseres Beitritts zu SAFE, den europäischen Verteidigungsbeschaffungsregelungen.
Wir haben in den letzten sechs Monaten zwölf weitere Handels- und Sicherheitsabkommen auf vier Kontinenten unterzeichnet.
In den letzten Tagen haben wir neue strategische Partnerschaften mit China und Katar abgeschlossen.
Wir verhandeln über Freihandelsabkommen mit Indien, ASEAN, Thailand, den Philippinen und Mercosur.
Um globale Probleme zu lösen, verfolgen wir die „variable Geometrie“ – unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Themen, basierend auf Werten und Interessen.
Für die Ukraine sind wir ein Kernmitglied der „Koalition der Willigen“ und einer der größten Pro-Kopf-Beitragszahler zu ihrer Verteidigung und Sicherheit.
Bei der arktischen Souveränität stehen wir fest an der Seite Grönlands und Dänemarks und unterstützen voll und ganz ihr einzigartiges Recht, Grönlands Zukunft zu bestimmen. Unsere Verpflichtung zu Artikel 5 ist unerschütterlich.
Wir arbeiten mit unseren NATO-Verbündeten (einschließlich der Nordisch-Baltischen Acht) daran, die nördlichen und westlichen Flanken des Bündnisses weiter abzusichern, unter anderem durch Kanadas beispiellose Investitionen in Überhorizontradarsysteme, U-Boote, Flugzeuge und Einsatzkräfte vor Ort. Kanada lehnt Zölle auf Grönland entschieden ab und fordert fokussierte Gespräche, um gemeinsame Ziele von Sicherheit und Wohlstand für die Arktis zu erreichen.
Im Bereich des plurilateralen Handels setzen wir uns dafür ein, eine Brücke zwischen der Transpazifischen Partnerschaft und der Europäischen Union zu bauen, um einen neuen Handelsblock mit 1,5 Milliarden Menschen zu schaffen.
Im Bereich kritischer Mineralien bilden wir Käufergemeinschaften, die im G7-Rahmen verankert sind, damit die Welt ihre Versorgung diversifizieren kann.
Bei KI kooperieren wir mit gleichgesinnten Demokratien, um sicherzustellen, dass wir nicht gezwungen werden, zwischen Hegemonen und Hyperscalern zu wählen.
Das Inspektionsschiff HDMS Vaedderen der dänischen
„Werde keine Gewalt bei Übernahme Grönlands anwenden“
Grönland-Konflikt
„Werde keine Gewalt bei Übernahme Grönlands anwenden“
Das ist kein naiver Multilateralismus. Es ist auch keine Abhängigkeit von geschwächten Institutionen. Es ist der Aufbau von Koalitionen, die funktionieren – Thema für Thema –, mit Partnern, die genug gemeinsame Grundlage haben, um zusammenzuwirken. In manchen Fällen wird dies die große Mehrheit der Staaten sein.
Und es ist die Schaffung eines dichten Netzes von Verbindungen in Handel, Investitionen und Kultur, auf das wir bei künftigen Herausforderungen und Chancen zurückgreifen können.
Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn du nicht mit am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte.
Großmächte können es sich leisten, alleine vorzugehen. Sie haben die Marktgröße, die militärische Kapazität und die Hebelwirkung, um Bedingungen zu diktieren. Mittelmächte nicht. Aber wenn wir nur bilateral mit einem Hegemon verhandeln, verhandeln wir aus der Schwäche heraus. Wir akzeptieren, was angeboten wird. Wir konkurrieren miteinander darum, wer am entgegenkommendsten ist.
Das ist keine Souveränität. Es ist die Performance von Souveränität, während man Unterordnung akzeptiert.
In einer Welt der Rivalität zwischen Großmächten haben die Länder dazwischen eine Wahl: Um Gunst miteinander zu konkurrieren, oder sich zusammenzuschließen, um einen dritten Weg mit Wirkung zu schaffen.
Wir sollten nicht zulassen, dass der Aufstieg der Hard Power uns darüber hinwegtäuscht, dass die Macht von Legitimität, Integrität und Regeln stark bleiben wird – wenn wir uns entscheiden, sie gemeinsam einzusetzen.
Damit komme ich zurück zu Havel.
Was würde es bedeuten, dass Mittelmächte „in Wahrheit leben“?
Es bedeutet, die Realität zu benennen. Hör auf, die „regelbasierte internationale Ordnung“ zu beschwören, als funktioniere sie noch wie beschrieben. Benenne das System, wie es ist: eine Phase intensiver Großmachtrivalität, in der die Mächtigsten ihre Interessen verfolgen, indem sie wirtschaftliche Integration als Waffe der Nötigung einsetzen.
Es bedeutet, konsequent zu handeln. Die gleichen Standards auf Verbündete und Rivalen anwenden. Wenn Mittelmächte wirtschaftliche Einschüchterung aus einer Richtung kritisieren, aber schweigen, wenn sie aus einer anderen kommt, lassen wir das Schild im Fenster.
Es bedeutet, das aufzubauen, woran wir zu glauben behaupten. Anstatt darauf zu warten, dass die alte Ordnung restauriert wird, Institutionen und Vereinbarungen schaffen, die wie beschrieben funktionieren.
Und es bedeutet, den Hebel zu reduzieren, der Nötigung ermöglicht. Eine starke heimische Wirtschaft aufzubauen, sollte immer Priorität jeder Regierung sein. Internationale Diversifizierung ist nicht nur wirtschaftliche Klugheit; sie ist die materielle Grundlage für ehrliche Außenpolitik. Länder verdienen sich das Recht auf prinzipientreue Positionen, indem sie ihre Verwundbarkeit gegenüber Vergeltungsmaßnahmen reduzieren.

Die Rede des kanadischen Premierministers in DAVOS

Im Namen der Wahrheit (Teil 3) – Das Urteil

Der Gerichtssaal.

Die Sitzung wird fortgesetzt.

Der Richter kehrt zurück.
Kein Pathos. Keine Erregung, keine Show.

Man spürt nur die Schwere dessen, was gesagt werden muss.


Richter:

Das Gericht hat die Ausführungen der Klägerin gehört.
Und die Erwiderungen der Verteidigung.
Es geht in diesem Verfahren nicht um Sympathien.

Nicht um historische Verdienste.
Nicht um Macht, Größe oder frühere Leistungen.

Es geht um die Frage,
ob das, was hier als Partnerschaft bezeichnet wird, diesen Namen noch trägt.

Feststellungen des Gerichts

Das Gericht stellt fest:

Die Beziehung zwischen Klägerin und Beklagtem ist nicht mehr von Gegenseitigkeit geprägt.
Sie folgt einem einseitigen Nutzenkalkül.

Regeln, Vereinbarungen und gemeinsame Absprachen werden vom Beklagten nicht mehr als verbindlich anerkannt, sondern situativ und fast nach Stimmungslage ausgelegt, relativiert oder verworfen.

Öffentliche Herabsetzung, Drohungen und Demütigungen wurden durch den Verteidiger nicht bestritten, sondern als Stilmittel gerechtfertigt.
Widerspruch wird nicht als notwendiger Bestandteil einer reifen Beziehung akzeptiert, sondern als Illoyalität sanktioniert.

Die Kinder – Freiheit und Demokratie – werden nicht mehr geschützt und gefördert, sondern als Belastung wahrgenommen, abgewertet und unter Druck gesetzt.

Das Gericht kennt diese Muster leider zu genau. Sie sind nicht neu.
Sie sind alt.
Und sie sind gefährlich.

Zur Einordnung

Der Beklagte beschreibt sein Verhalten als Anpassung an eine neue Zeit.

Das Gericht stellt klar.

Was hier als neue Realität verkauft wird, ist in Wahrheit ein Rückfall in ein altes Denken.
Ein Denken, in dem Stärke Recht ersetzt. In dem Dankbarkeit eingefordert wird.
In dem Loyalität Gehorsam bedeutet.
Und in dem Beziehungen nur so lange gelten, wie sie nützlich sind.
Das ist kein Fortschritt.
Das ist Regression.

Zum Schutzantrag

Das Gericht sieht eine fortgesetzte Gefährdung der Klägerin und insbesondere der im Haushalt lebenden Kinder.
Nicht durch einen einzelnen Schlag.
Nicht durch eine einzelne Tat.
Sondern durch ein strukturelles Muster aus Abwertung, Drohung und Entzug.

Gewalt, so das Gericht,

beginnt nicht mit der Faust. Sie beginnt mit Sprache. Mit Verachtung.
Mit der systematischen Verschiebung von Grenzen.

Das Urteil

Im Namen der Wahrheit ergeht folgendes Urteil.

Der Klägerin wird dringend empfohlen, klare Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Emotionale, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Abhängigkeiten sind zu überprüfen und schrittweise zu reduzieren.

Ein weiterer Verbleib in dieser Beziehung ist nur dann denkbar, wenn der Beklagte bereit ist,
Gegenseitigkeit, Verlässlichkeit und verbindliche Regeln wieder anzuerkennen.

Das Gericht sieht dafür allerdings derzeit keine Anzeichen.

Die Klägerin wird ermutigt,

ihre eigenen Fähigkeiten zur Selbstbehauptung zu stärken und sich auf verlässliche Beziehungen zu konzentrieren, in denen Respekt nicht eingefordert werden muss.

Der Schutz der Kinder hat oberste Priorität.
Freiheit und Demokratie sind keine Kostenfaktoren.
Sie sind nicht verhandelbar und nicht Gegenstand von Deals.

Schlussbemerkung des Gerichts

Der Richter legt die Akte beiseite.
Dieses Urteil ist keine Strafe. Es ist eine Klarstellung. Partnerschaft ohne Respekt ist keine Partnerschaft.
Führung ohne Bindung ist Machtmissbrauch.
Und Stärke, die keinen Widerspruch erträgt, ist Schwäche.

Das Gericht warnt, auch in Richtung auf den Angeklagten.

Wer glaubt, ohne Regeln, ohne Gegenseitigkeit und ohne Verantwortung handeln zu können, wird am Ende allein stehen.

Die Sitzung ist geschlossen.

Im Namen der Wahrheit.

Im Namen der Wahrheit (Teil 3) – Das Urteil

Im Namen der Wahrheit (Teil 2)

Die Verhandlung wird fortgesetzt.
Die Luft ist kühl. Die Worte sind es auch.

Richter

Der Beklagte erhält das Wort.
Die Verteidigung möge vortragen.

Die Verteidigung

Verteidiger

„Hohes Gericht,
die Vorwürfe sind völlig überzeichnet.
Was hier als Grenzverletzung beschrieben wird, ist lediglich eine Anpassung meines Mandanten an die Realität. Die Umgebung, die Welt, in der wir eine Partnerschaft haben, hat sich eben verändert.
Und Beziehungen müssen sich anpassen und verändern sich auch.“

Richter

„Bitte konkretisieren sie das!“

Verteidiger

„Partnerschaften sind keine Selbstzwecke. Und Sentimentalität bringt uns nicht weiter!
Partnerschaften müssen funktionieren und sie müssen meinem Mandanten Vorteile bringen. Wer etwas dafür leistet, der kann bleiben.
Wer bremst und die Bedeutung der Wichtigkeit der Vorteile für unseren Mandanten nicht anerkennt wird neu bewertet.“

Anwalt der EU

„Sie sprechen von Bewertung. Meinen Sie damit den Entzug von Dialog auf Augenhöhe, von Respekt, von Kooperationen, von gemeinsamer Verantwortung, von Zugang zu Forschung?“

Verteidiger

„Wir sprechen von Konsequenzen. Die Sichtweise ihrer Mandantin ist die Sichtweise von Verlierern. Jeder hat die Freiheit sein Schicksal zu wählen. Niemand wird ausgeschlossen. Man entscheidet sich nur neu. Wer nicht für meinen Mandanten ist ist gegen ihn und soll sehen wo er bleibt.“

Richter

„Neu entscheiden heißt dann auch die konsequente Trennung?“

Verteidiger

„Trennen ist ein großes Wort. Wir sprechen von Effizienz. Wir wollen nur eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten.“

Anwalt der EU

„Wie steht der Beklagte denn zu bestehenden Regeln, Vereinbarungen und Absprachen?“

Verteidiger

„Regeln sind doch lediglich Instrumente aus einer alten Zeit. Unser Mandant weiß sehr genau was richtig ist. Regeln sind kein Dogma. Man nutzt sie, solange sie nützen. Nur Looser brauchen Wettbewerb und Regeln.“

Richter

„Aber Vereinbarungen und Regeln binden doch auch beide?“

Verteidiger

„Bindung ist doch kein Wert an sich. Völlige Freiheit und Handlungsfähigkeit unseres Mandanten aber schon.“

Anwalt der EU

„Wie erklären Sie denn die öffentliche Herabsetzungen, Demütigungen und Drohungen?“

Verteidiger

„Das ist doch nur Klartext. Mein Mandant ist eben gnadenlos ehrlich. Wer das als Demütigung empfindet, ist zu sensibel.
Respekt folgt Stärke. Nicht umgekehrt. Und mein Mandant verschafft sich Respekt. Und wenn ihre Klientin sich nicht einordnet dann ist eben so – dann können wir nicht auf sie warten.“

Richter

„Respekt wird hier also nur dann vergeben wenn man ihn sich durch Anpassung verdient?“

Verteidiger

„Er wird erwartet, wenn geliefert wird.“

Anwalt der EU

„Wie bewertet der Beklagte Widerspruch?“

Verteidiger

„Kritik ist willkommen. Solange sie loyal ist, das Ziel unseres Mandanten nicht in Frage stellt. Öffentlicher Widerspruch schadet dem Ganzen.“

Richter

„Und wird sanktioniert?“

Verteidiger

„Er zieht Folgen nach sich. Das ist doch normal und gehört zum Leben dazu.“

Anwalt der EU

„Es gibt Hinweise, dass bedingungslose Anerkennung und Unterordnung eingefordert wird.“

Verteidiger

Anerkennung ist keine einfache Forderung.
Sie ist mehr als fällig.

Unser Mandant hat geliefert.
Stabilität.
Ordnung.
Frieden.

Dass man darüber diskutiert, verwundert.

Richter

„Erwartet der Beklagte also Dankbarkeit?“

Verteidiger

„Dank ist angemessen. Wenn Großes geleistet wurde.“

Anwalt der EU

„Es gibt widersprüchliche Aussagen zu früheren Zusagen, wo die Werte so bedeutsam und zentral wären.“

Verteidiger

„Mein Mandant kann sich nicht an alles erinnern. Die Welt ist eben sehr dynamisch.
Positionen entwickeln sich.“

Richter

„Das Gericht nennt das selektives Erinnern.“

Anwalt der EU

„Wie erklärt denn der Beklagte Ansprüche auf bisher unabhängige Räume?“

Verteidiger

„Es geht nicht nur um Besitz.
Es geht um Sicherheit und Ordnung.
Um bedingungslosen Respekt.
Denn Einfluss ist Realität.“

Richter

„Auch ohne Zustimmung?“

Verteidiger

„Zustimmung ist wünschenswert.
Aber nicht immer erforderlich.“

Richter

Dann habe ich jetzt genug gehört und muss zu einer Bewertung kommen.
Festzuhalten ist….
Die Verteidigung ersetzt die Bewertung von Partnerschaft, von Kooperation und Gegenseitigkeit durch Nützlichkeit, Bindung durch Bewertung und Regeln durch Zweckmäßigkeit.

Verteidiger

Hohes Gericht, der Beklagte ist kein Täter.
Er ist Vorreiter einer neuen bedrückenden Zeit.
Wer ihn kritisiert, ihm nicht bedingungslos und loyal folgt,
hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Das alles hatten wir schon einmal – oder?

Die Sitzung wird unterbrochen.

Im Namen der Wahrheit (Teil 2)